Thomas C. Guggenheim, Verleger und Autor

Boxen

Boxingday 26. Dezember 2011
ein Bericht von Thomas C. Guggenheim

Das Urteil über die Hauptereignisse des Boxing Day 2011 dürfte leider getrost lauten:

Yves topp, Aniya flopp

Damit wären die Erwartungen, die das Publikum in Yves und Aniya setzte, zur Hälfte erfüllt. Die „kleine Boxwelt“ von Bern war in ihren hochgeschraubten Erwartungen zu fünfzig Prozent beglückt worden.

Erstmals fand der Anlass In der Wankdorf-Sporthalle statt. Üblicherweise sollten die Boxer und ihr Gefolge sich im Kursaal präsentieren. Doch dort wird renoviert und umgebaut. Die Veranstalter bemühten sich redlich, im kahlen Raum ein annähernd gleichwertiges Meeting wie im Kursaal zu bieten.

Das Publikum am Ring wies denn auch am Stephanstag die gleiche Prominenz wie in den früheren Jahren auf: Grössen aus Politik, Sport und dem bernischen Jetset liessen sich den Anlass nicht nehmen. Grossratspräsident Beat Giauque und Stadtpräsident Alexander Tschäppät (üse „Tschäppu“) begrüssten die Kämpfer und ihr Gefolge des Boxing-King-Stalls höchst persönlich und zeigten sich gegenüber vereinzelten Pfiffen und Buhrufen aus dem Publikum unbeeindruckt. Die Halle hätte etwa 2000 Zuschauern Platz geboten, anwesend waren derer 1300.

Die von Amateuren ausgetragenen Vorkämpfe hielten sich im üblichen Rahmen. Einzig Alain Chervet überraschte mit einer Doppeldeckung sowie blitzartigen Jabs und Haken. Sein armenischer Gegner, mit Wohnsitz in München, hatte schon mehr als hundert Kämpfe ausgetragen, Alain erst deren 31. Doch er liess sich nicht entmutigen, geschweige denn provozieren, blieb ungerührt seiner Taktik treu und siegte klar. Damit ist Alain Chervet dem Ziel, seinem Onkel (Fritz „Fritzli“ Chervet) zu folgen und ins Profilager zu wechseln einen gewaltigen Schritt näher gekommen.

Als erste Profis stiegen der Italo-Berner Martino Ciano und der Weissrusse Andrei Staljarchuk in den Ring. Die beiden Boxer taten sich nichts zuleide. Die Punktrichter werteten die Begegnung mit einem gerechten Unentschieden.

Begeisterung kam im Publikum in den Pausen auf, als auch in diesem Jahr wieder die beinahe nackten Nummerngirls vom Cabaret „Le Perroquet“ die jeweils folgenden Runden ankündeten. Der schwarzhaarigen Madina schien es zu gefallen. Im Bikini kündigte sie eine siebente Runde im Fight Ciano gegen den Weissrussen an, obgleich nach der sechsten Runde Schluss war.

Im ersten Hauptkampf um den vakanten Weltmeisterinnen-Titel im Superbantamgewicht (bis 55 Kilo) folgte Aniya Seki von den „Boxing Kings“ den Weisungen ihres Betreuers Bruno Arati und boxte anfänglich verhalten und defensiv-passiv. Ihre Gegnerin Marylin Hernandez aus der Dominikanischen Republik (genannt „La Cachorrita“), ein bulliges Muskelbündel, nutzte die ihr gebotene Chance und griff ungestüm an. Aus war der Traum für Aniya Seki. Sie verlor im „10x2 Minuten Rundenfight“ trotz „Heimvorteil“ nach Punkten. Der von ihr begehrte Weltmeistertitel ging verdientermassen an ihre Gegnerin. Aniya weinte sich in den Katakomben der Wankdorfhalle als Erstes aus, dann erklärte sie, das Boxen höre für sie keinesfalls auf. Unverzüglich werde sie sofort mit Blick auf die nächste Gelegenheit einen Titel zu erringen, wieder trainieren.

Der 29-jährige Lokalmatador Yves Studer, „Pit Bull“ genannt, hatte es über „12x3 Minuten“ im Mittelgewicht (bis 72 kg) mit Aliaksandr Sushchyts, 23 Jahre alt, weissrussischer Mittelgewichts-Meister, zu tun. Er gab, was er konnte, und erkämpfte den Sieg verdient mit 2:1 Richterstimmen. Yves blieb damit auch in seinem 29. Profikampf unbesiegt (27 Siege, zwei Remis). Zum ersten Mal durfte er den Gürtel eines der vier grossen Weltverbände des Boxsportes anziehen und sich damit den applaudierenden Zuschauern und seiner Fangemeinde präsentieren.

Aniya Seki, Bernerin mit japanischen Wurzeln, boxt voraussichtlich am 3. März 2012 im „Bärensaal“ in Worb. Die Promotoren von Yves Studer, unter ihnen Daniel Hartmann, die bereits über 200‘000 Franken in ihren Schützling investiert haben, erhoffen sich einen Kampf gegen den amtierenden IBF-Weltmeister, den Australier Daniel Geale.

Bern, 27.12.2011

Boxing Day

Erzählung von Adrian Constatin