Thomas C. Guggenheim, Verleger und Autor

Neues aus der Entenforschung

Glosse (Neues aus der Entenforschung)
von
Philipp von Wiese

Die Zeitungs-ente ist eine Unterart der Familie der Enten, die sich grundlegend von allen anderen Entenarten, vor allem durch ihr Fortpflanzungs- bzw. Vermehrungsverhalten unterscheidet.
Die Zeitungs-ente vermehrt sich, im Unterschied zu allen anderen Entenarten, nicht auf geschlechtlichem Wege, sondern, wie im früheren Artikel über Enten richtig vermutet, durch Klonen und Mutation, ähnlich wie Viren es tun. Man spricht hier in der Entenforschung auch von einer Virul-enten Vermehrung bzw. Verbreitung. Dabei bedient sich die Zeitungs-ente, ähnlich einiger Parasitenarten des Menschen als Wirt. Es kommt zum folgenden Kreislauf:
Die Zeitungs-ente infiziert zunächst eine grössere Anzahl von Wirtsorganismen durch den Vorgang des Lesens und nistet sich ein in den Gehirnen der Wirte. Nun wird die Zeitungs-ente durch Mund-zu-Ohr-Übertragung immer mehr verbreitet und mutiert dabei oft so extrem, dass kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Ursprungs-ente festzustellen ist. Es kommt vor, dass in einigen Fällen so eine mutierte Zeitungs-ente, möglicherweise erst Jahre später, wieder zu Papier gebracht wird, und der Kreislauf beginnt erneut.
Zeitungs-enten erfreuen sich bei den Vertretern anderer Enten keiner grossen Beliebtheit. Ihrer Verbreitung versuchen im Anfangsstadium der Entwicklung u.a. die sogenannten Rezens-enten entgegenzuwirken.
Das mutwillige Verbreiten von Zeitungsenten gehört zu der Gruppe der sogenannten Fisemat-enten, ein Begriff, der aus dem Französischen stammt („Visite ma tente“ – „Besuchen Sie mein Zelt“), eine wohl früher unter französischen Offizieren gebräuchliche Aufforderung an junge Damen, der in einem anderen Artikel über Enten erwähnten Tätigkeit des Vögelns nachzugehen. Das tun auch bis auf die Zeitungs-ente alle anderen Entenarten. Das Wort „Zeitungsente“ wir hier nicht selten als übelste Beleidigung empfunden. In der Gesellschaft von Enten sollte man mit diesem Wort also äusserst vorsichtig sein.

19.09.2010 P.v.Wiese