Thomas C. Guggenheim, Verleger und Autor

Golf

Golf: Handicap, Macht und Machtmissbrauch

Der griechische Philosoph Aristoteles war einmal von einem Schüler gefragt: worden: „Meister, wie lerne ich Laute spielen?“ Der weise Lehrer hatte geantwortet: „Indem du Laute spielst!“ So halten es beim Golf die angelsächsischen Länder. Man lernt Golf, indem man es spielt. Diese Möglichkeiten sind in der Schweiz rar. „Richtiges Golf“ beginnt mit der Platzreife, einer theoretischen und einer praktischen Prüfung, bei deren Bestehen dem Prüfling ein erstes Handicap (in der Regel 36 oder 54) zugestanden wird. Einige wenige Clubs lassen ihre Mitglieder bereits früher auf den Parcours, wenn der Golflehrer die entsprechende Erlaubnis dazu gibt.

Was ist Handicap? Im Grunde genommen gibt die rätselhafte Ziffer die Leistungsstärke des Spielers an, sie gibt Auskunft, mit wie vielen Schlägen der Golfer üblicherweise unter normalen Verhältnissen einen Parcours bewältigt. Das Handicap diente eigentlich dazu, Spielern unterschiedlicher Leistungsstärke zu gestatten, bei gleichen Voraussetzungen miteinander Wettkämpfe zu bestreiten. Weil das Handicap in Kontinentaleuropa und somit auch in der Schweiz nicht nur Leistungsausweis, sondern auch eine Voraussetzung ist, überhaupt auf einem Golfplatz spielen zu dürfen, vermittelt es Macht und Erwerbsmöglichkeiten. Bis zur Gründung der ASGI verwalteten und bestimmten einzig die heimischen Golfclubs, wer welches Handicap erhält und vergaben es ausschliesslich an ihre Mitglieder. Golfer, die nicht Mitglied eines vom schweizerischen Dachverbandes ASG anerkannten Clubs waren, hatten praktisch keine Möglichkeit, in ihrem Land Golf zu lernen, geschweige denn zu spielen.

Wer die Autoprüfung machen will, muss zuerst zu einem Fahrlehrer, wer die Prüfung zur Platzreife erfolgreich bestehen will, muss in Kursen Theorie lernen und sich im praktischen Umgang mit den Schlägern von einem Golflehrer unterweisen lassen. In beiden Fällen kostet es Geld, und es können je nach der Begabung des Schülers bzw. der Schülerin rasch vierstellige Beträge sein. Verschiedene Clubs, Golflehrer und Betreiber von Driving Ranges nutzen diese Entwicklung des Handicaps von einem Leistungs- zu einem Fähigkeitsausweis als willkommene Einnahmequelle. Völlig ungebundene Golfer verschaffen sich deshalb oft ihren „Fähigkeitsausweis“ bei einem ausländischen Club. Im Internet findet man Adressen, wo Mitgliedschaftskarten ausgestellt werden (z.B. www.golftour.de/mitgliedschaften.php). Diese Karten werden von den entsprechenden Dachverbänden des Landes bestätigt und deshalb auf den meisten schweizerischen Golfplätzen akzeptiert. Auch Schweizer Golfclubs, insbesondere die Clubs der Migros benutzen diese Einnahmequelle; gegen eine Jahresgebühr von Fr. 200.- bis Fr. 800.- stellen sie „Mitgliedschaftskarten“ aus, die mit dem offiziellen Signet der ASG versehen sind. Die ASG kassiert hiermit ohne entsprechende Gegenleistung von jedem „clublosen Golfer“ Fr. 65.-.